Diskussion
 
Um die komplexe Verhaltensökologie des Wolfes (sollte dies überhaupt jemals in vollem Umfang möglich sein) zu verstehen, sind neben den durchaus notwendigen Forschungen an Gehegetieren selbstverständlich auch Freilandstudien erforderlich. Diese Notwendigkeit erkannte man und forcierte sie deshalb auch in den letzten Jahren. In der Vergangenheit beschränkten sich solche Forschungen allerdings fast ausnahmslos auf Sekundärinformationen:
Spuren und Kotanalysen gaben zwar ebenso wie die Arbeit mittels der sogenannten "Radiometrie" grob Auskunft über die Zusammensetzung "wölfischer" Nahrung, liessen Schlüsse über die jeweilige Reviergrösse einzelner Wolfsrudel zu und beschreiben deren Wander- und Aktivitästzyklen, dennoch blieben letztlich viele hoch relevante Fragen zur Verhaltensökologie des Wolfes offen. Erste aussergewöhnliche Dokumentationen kanadischer beziehungsweise US- amerikanischer Biologen über die Verhaltensanpassungen der "weissen Wölfe" von Ellesmere Island (Kanada) verblüfften die Fachwelt. Starre hierarchische Ordnungen, die generelle Scheuheit vor der menschlichen Art und die pauschale Führung eines Wolfrudels durch einen Alpharüden wurden in Frage gestellt. Ja, man konnte mitunter manche Hypothesen sogar widerlegen. Wie ist das möglich, obwohl wir doch angeblich soviel über Wöfe wissen?
Diese Frage kann relativ einfach beantwortet werden:
Erst seit kurzem sind einige Freilandökologen tatsächlich in der Lage, Wölfe über einen längeren Zeitraum in ihrer natürlichen Umgebung direkt zu observieren. Zudem ist es nunmehr endlich möglich, ihre akzentuierten Sozialbindungen innerhalb eines Rudels und sogar die Formung individueller Charaktere beschreiben zu können. Die möglichkeit zur genauen Beobachtung unterschiedlicher Beziehungsgeflechte, also des sozialen Status einzelner Tiere einer Gruppe, stellt wohl einen der Schlüssel in Richtung neuer Erkentnisse dar. So war zum Beispiel bis vor kurzem auch so gut wie überhauptnichts über "wölfische" Familienkulturen und Traditionen, die primär durch intensives Beobachtungslernen entstehen (Jungtiere kopieren nach und nach ganz bestimmte Verhaltensgewohnheiten der Alttiere), bekannt.
Wölfe sind nicht nur hoch soziale und territoriale Raubtiere, sondern müssen ihr Verhalten selbstverständlich auch den jeweiligen biologischen und ökologischen Umständen anpassen.
"Habitat dictates behaviour" (Der Lebensraum diktiert das Verhalten), sagt man in der Feldforschung.
Bevor wir die Frage nach eventuell "Treue" unter Wölfen näher erörtern können, sollten wir zunächst auf einige grundsätzliche Fakten richten:
Nicht erst seit heute wissen wir, dass zwischen den einzelnen Wolfsindividuen eines Rudels sehr unterschiedlich ausgeprägte Sozialbindungen existieren. Sozialbindungen sind essentieller Bestandteil einer Rudelstruktur. Bei den Alttieren gibt eszwei nach Geschlechtern getrennte Sozialrangordnungen, wobei auch Querverbindungen bestehen. Jungtiere finden ihren Platz in der Jagdgemeinschaft (hauptsächlich durch Beobachtungslernen) erst schrittweise und nehmen dann ungefähr ab einem Alter von zirka 11 bis 12 Monaten aktiv an der tötung von Beutetieren teil. Innerhalb eines hoch komplexen Beziehungsgeflechts entsehen nach und nach regelrechte Freundschaften, die wir anhand der Intensität sozialer Kontakte und Bindungen "messen" können (gegenseitiges Belecken, Plegemassnahmen, Fellstubsen, Nasen- und Schnauzenkontakte, Kontaktliegen usw...). Soziale Tiere pflegen nun einmal Beziehungen untereinader, von denen manche "liebevoll" sind oder aber Bewunderung für ein dominantes Tier ausdrücken.
Selbstverständlich erkennen wir im interaktiven Bereich neben Sympathien auch Antipathien, die unter anderem durch regelrechtes Mobbing, also den kollektiven Angriff auf ein stark unterdrücktes Tier (Omega-Männchen) zum Ausdruck kommen. Je nach Rudelstruktur und Jahreszeit beobachten wir eine tendenzielle Zunahme beziehungsweise Abnahme von Toleranz oder Aggressivität. Gerade im Falle von Steitigkeiten innerhalb einer Gruppe beobachten wir jedoch auch, dass es Verbindungen zwischen den einzelnen Tieren gibt, die sich aufeinander "vertrauen" können oder zumindest loyal verhalten.
Die genaue Beobachtung von Ritualen und Seilschaften geben unter anderem Auskunft über eventuelle soziale Expansionsmöglichkeiten, Rivalität um das Interesse und die Aufmerksamkeit eines ( oder mehrerer) Sozial- beziehungsweise Bindungspartner innerhalb einer Rudelgemeinschaft. Die erfahrenen und zumeist stark aneinander gebundenen Tiere bestimmen im Normalfall den Handlungsrahmen der Gruppe, unterliegen einer genauen Beobachtung durch die noch "Unerfahrenen" und werden dadurch als Entscheidungsträger akzeptiert. Dies um so mehr,da unter anderem die selbstbewusste Körpersprache ranghoher Tiere deren hohen Status deutlich dokumentiert und ihre Körpersprache ranghoher Tiere deren hohen Status deutlich dokumentirt und ihre Körperhaltung und Bewegung Ausdruck von Selbstsicherheit und Führungsstärke vermitteln. Wölfe unterscheiden sich vor allem aber sehr deutlich in bezug auf iniviuelles Temperament, Freundlichkeit (im Sinne feweilig geduldeter Toleranzgrenze) oder Aggressivität. Ihr Verhalten richtet isch entscheidend nach verwandtschaftlichen Beziehungen, der jeweiligen Altersstruktur einers Rudels, dessen Geschlechsverteilung, Ernährungszustand und natürlich Umwelteinflüssen. Wolfrudel sind individuelle und ässerst komlexe Systeme. Toleranz und Freundschaft unter den Gruppenmitgleidern hängen letzlich auch von dem eventuell zu befürchtenden Machtverlust eines ranghohen Tieres ab.
Schauen wir uns jetzt einige Ergebnisse, aus unsren Feldstudien an:
Vier Ereignisse, welche unter anderem die Hypothese nach "wölfischem" Verantwortungsgefühl näher beleuchten sollen, ereigneten sich im Sommer 1991, im Winter 2000/2001 und im Sommer 2001.
Beispiel 1
Der kanadische Biologe Dr. Parquet und Vater der Wolfsfoschungen in den kanadischen Rocky Mountains, berichtete schon 1991, dass er damals den erst ungefähr vier bis fünf Wochen alten Welpen, deren Mutter durch eienn Unfall getötet wurde (Alphawölfin Dusk wurde auf der Trans-Kanada-Autobahn von einem PKW erfasst), kaum eine Überlebenschance einräumte. Eigentlich war die Feldforschungsmannschaft davon ausgegangen, dass die sechsjährige Betawölfin Diane schon vor dem Unfall aus dem "Spraytal-Rudel" abgewandert war. Diane kehrte jedoch zwei Tage nach dem oben beschriebenen tragischen Ereignis urplözlich zum traditionellen Höhlenkomplex zurück, produzierte sogar Milch, zog offensichtlich die beiden von Dusk zurückgelassenen Welpen erfolgreich auf und avancierte zur neuen Alphawölfin. Erstaunen machte sich breit. Bestanden etwa doch noch starke Sozialbindungen zwischen Diane und den restlichen Rudelmitgliedern, obwohl man ja schon von einem Separatismus ausgegangen war? War Diane vielleicht doch noch Bestandteil der Gruppenstruktur des Spraytal-Rudels und handelte einfach nur opportunistisch, um ihren eigenen Sozialstatus zu erhöhen? Wie hatte Diane überhaupt gemerkt, dass die ehemalige Alphawölfin Dusk kurz davor auf der Autobahn verstarb?
Die damals allenfalls sporadisch durchgeführten Verhaltungsbeobachtungen ergaben nur, dass man das ungefähre Alter der drei anderen weiblichen Mitglieder des Spraytal-Rudels deutlich niedriger einstufte (zirka ein bis zwei Jahre). Im Gegensatz zum totalitären Auftreten der ehemaligen Alphawölfin Dusk beschrieb man Dianes Verhalten gegenüber den anderen Weibchen der Gruppe als eher tolerant und freundlich. Hatten die Biologen nun einen ersten Nachweis für Treue erbracht? Da sich kontinuierliche Verhaltensbeobachtungen, die konkreten Aufschluss über das Beziehungsgeflecht und die soziale Bindungen zwischen den einzelnen Wölfen hätten geben können, zu jener Zeit noch sehr schwierig gestalteten, blieben einfach zu viele Fragen offen, um eine solch komplexe Frage zu beantworten.
Damals bekannte Sozialstruktur des Spaytal-Rudels:
- Kompakter, graubrauner Wolf (zirka siebenjähriger Alpharüde) dominierte (>) schlanken, schwarzen (zirka fünfjährigen Betarüden), der wiederum schlanken, schwarzgrauen (zirka dreijährigen Rüden) dominierte (>).
- Hochbeinige, schwarzgraue Dusk (zirka sechsjähriges Alphaweibchen) dominierte (>) schwarzgraue (zirka sechsjährige Diane (Dusks Schwester?) und alle anderen drei (zirka ein bis zwei Jahre alten) Weibchen aussergewöhnlich massiv.
- Diane dominierte (>) (soweit überhaupt bekannt) kein anderes Weibchen der Gruppe, sondern verhielt sich ihnen gegenüber eher tolerant, beziehungsweise ingnorant.
Beispiel 2
Auf Grund der im November und Dezember 2000 intensiv durchgeführten Verhaltensbeobachtungen kamen wir bald zu dem Schluss, dass die damals juvenile Wölfin Nisha (geboren am 15. April 2000) zumindest zeitweise ein permanenter Bestandteil des Rudels war. Vielmehr observierten wir Storm, Aster und Yukon mehrfach auf ihren Wanderungen durch das heimische Revier ohne Nishas Präsenz. Natührlich war dies extrem aussergewöhnlich.
Junge Wolfsindividuen müssen unter Leitung erfahrener Alttiere natürlich das heimische Revier erforschen. Da wir bestätigen konnten, dass das gesamte Bowtal-Rudel zwischenzeitlich immer wieder als Jagdgemeinschaft operierte, ergab eine zwischenzeitliche Trennung von Jungwölfin Nisha erst recht keinen Sinn. Nach einigen Wochen kontinuierlicher Verhaltensbeobachtungen, während deren Aktivitäten des gesamten Rudels bis zum Autobahntunnel der
Trans-Kanada-Autobahn mehrfach begleiteten, erhielten wir endlich eine logische Erklärung für die Trennung der Tiere:
Jungwölfin Nisha weigerte sich, Autobahnunterführungen zu durchqueren. Obwohl Alpharüde Storm die gesamte Gruppe stets sicher und Gefahren vermeidend entlang einer Zugstrasse oder des Flusses bis zur Autobahn führte, zeigte Nisha nach Sichtung der Autobahnbrücke extremes Meideverhalten. Storm traf letztlich die Entscheidung, zumindest Aster und Yukon durch den Autobahntunnel zu geleiten, und initiierte (am anderen Ende des Autobahntunnels angekommen) sogar Chorheulen, um den Kontakt zu Wölfin Nisha nicht zu lassen. Diese zeigte sich jedoch weiterhin extrem gehemmt und "antwortete" ihrerseits nur über kurze, hele Heulsequenzen. Sie näherte sich dem Autobahntunnel zwar mehrere Male, durchschritt ihn aber nicht. Nisha zeigte sich in dieser akuten Situation einfach zu gestresst, um den anderen Wölfen zu folgen. Das Chorheulen, an dem sich im übrigen alle vier Wölfe beteiligten, zog sich mitunter über zehn Minuten hin. Alle Kommunikationsversuche reichten jedoch nicht aus, die ängstliche Nisha doch zu "überreden". Sie erstarrte diesseits der Autobahn. Letztlich zog das von Storm angeführte Rudel weiter, um nun jenseits der Autobahn Hirsche oder andere Beutetiere aufzuspüren. Diese Jagdsreifzüge konnten mitunter bis zu 10 Tagen dauern, während deren Nisha im Bowtal auf sich allein gestellt zurückblieb. Ob Nisha vieleicht in ihrer sehr frühen Jugendentwicklung schlechte Erfahrungen mit Autos oder Lastkraftwagen gesammelt hatte, oder die generelle Geräuschkulisse eines lauten Autobahnverkehrs letztlich zu dem beschriebenen Meideverhalten führte, blieb bis heute ungeklärt. Fest stand nur, dass Nisha auch während des gesammten Sommers 2001 (letzte Beobachtung am 11.07.01) weiterhin Autobanhtunnel mied. Ihr striktes Meideverhalten dokumentierten wir insgesamt vierzehnmal. Somit konnte man wohl davon ausgehen, dass Nisha grössere Teilbereiche des eigenen Reviers (jenseits der Autobahn) des Bowtal-Rudels niemals in ihrem Leben betreten hatte.
Einerseits bestand stets die biologisch dringliche Notwendigkeit zur Nahrungsbeschafung jenseits der Autobahn (und somit eine hohe Motivation zur Überlebenssicherung der Gruppe), andererseits musste sich das Rudel von der noch recht unselbständigen Jungwölfin kurzfristig trennen, obwohl Vater und Tochter (Storm und Nisha) eigentlich eine sehr enge Sozialbindung unterhielten. Letztlich war wohl ausschlaggebend, dass ein zeitweilig zurückgelassenes, zirka sieben bis acht Monate altes Rudelmitglied ohnehin keine strategisch vorgetragenen Jagd (inklusive Tötung des beutetieres) spielen konnte. Storm musste sich bei allem Konflikt schliesslich zwischen seiner Bindung zu Nisha und dem eventuell möglichen Verhungern der Gruppe etnscheiden.
Übrigens: Nisha ernährte sic hin Abwesenheit des Rudels offensichtlich von Kadavern (von einem Zug erfasste Beutetiere) oder erbeutete sogar mitunter selbständig Niederwild in Form von Erdhörnchen oder Kaninchen.
Beispiel 3
Wie bei hochentwickelten Soziallebewesen üblich, versorgten auch Storm und Aster ihre beiden Welpen im Sommer und Herbst 2000 vorbildlich. Wolfswelpen sind nicht einfach nur eine lange Zeit von elterliche Fürsorge abhängig, sondern lernen über Monate hinweg neben der Integration in das hochflexible System einer sozialen Gemeinschaft natürlich auch die Bedingung und Notwendigkeiten einer kooperativen Jagd kennen. Im Alter von zirka elf Monaten präsentierten sich Yukon und Nisha bei der Jagd schon biologisch stimmig und waren nunmher in der Lage, Beutetiere nicht nur planlos zu verfolgen, sondern im gemeinsamen Verbund mit Storm und Aster auch zu erlegen. Dabei fiel auf, dass sich die "pfeilschnelle" Nisha mehr an den Aktivitäten und Bewegungsabläfen ihres Vaters orientierte, während der kompakte und deshalb doch etwas schwerfälligen Yukon die "langsamere Gangart" seiner Mutter bevorzugte. Zudem lernten die beiden Jungwölfe, sich an die lokalen Bedingungen des zentralen Territoriums anzupassen.
Nach Abschluss unserer winterlichen Verhaltensbeobachtungen (Ende Februar 2001) konnten wir anhand klarer Kommunikationssignale feststellen, dass sich das enge Zusammengehörigkeitsgefühl von Storm und Nisha offensichtlich noch vertieft hatte. Auch die über mehrere Monate gewachsene Sympatie oder "emotionale Bindung" zwischen Aster und Yukon war eindeutig. Diese Bindung kam unter anderem auch durch häufig aufgezeigtes Kontaktliegen während gemeinsamer Ruhepausen zum Ausdruck.
Aster bestand gegenüber Yukon nicht auf Einhaltung einer Individualdistanz, sondern liess sich während des gemeinsamen Kontaktliegens sogar von Yukon belecken und erwiderte zudem Schnauzenkontakte und leichtes Fellstupsen.
Wie schon angedeutet, lernte Yukon über montaelange Beobachtung,die Aktivitäten seiner Mutter zu kopieren. So betätigte er sich bei der gemeinsamen Jagd ebenfalls als "Blocker":
Ab Januar 2001, somit also im Alter von 11 Monaten, unterstützte Yukon nämlich Asters Bemühungen, die Fluchtwege von Hirschen und Rehen effektiv abzuschneiden. Man konnte ihn nun langsam als ernst zu nehmenden, intergralen Bestandteil der Jagdgemeinschaft ansehen. An einem sehr kühlen Junimorgen obserbierten wir wieder einmal das Bowtal-Rudel während eines Jagdstreifzuges. Zunächst testete das von Strom angeführte Rudel eine aus vier Hirschkühen bestehende Kleingruppe. Diese stob auf Sichtung der Wölfe relativ panisch auseinander. Nach erster Orientierung (Fixierung mit angewinkeltem Vorderlauf, Anpirschverhalten) sprinteten Storm und Nisha los und hetzten eine zuvor aus der Gruppe separierte Hirschkuh. Derweil unternahmen Aster und Yukon den Versuch, alle möglichen Fluchtwege des anvisierten Beutetieres zu blockieren. Leider schlug der Versuch fehl, und die Hirschkuh entkam. Unmittelbar danach traf Storm die verantwortungsvolle Entscheidung, die in der Nähe gelegene Trans-Kanada-Autobahn zu überqueren, um in einem benachbarten Tal auf Beutefang zu gehen. Alle Tiere folgten, und das gesamte Rudel verschwand im Wald.
Eine halbe Stunde später schoss plötzlich eine Hirschkuh direkt vor unseren Augen aus dem Wald und überquerte, jeglichen Verkehr missachtend, die Autobahn. Dem Verhaltensprogramm eines biologisch sinigen Jägers folgend, hetzte Yukon die potentzielle Beute im Abstand von maximal fünfzig Metern. Er achtete in dieser Situation natürlich nicht auf die Hauptgefahr, die jederzeit in Form vorbeifahrender Automobile bestand. So kam es, wie es kommen musste. Ein heranfahrendes Fahrzeug erfasste ihn. Zu unserem Entsetzen wurde Yukon auch noch von dem Auto überrollt. Sein Tod schien uns sicher, zumal er über eine Zeitspanne von zwei Minuten völlig regungslos am Boden lag. Zur allgemeinen Verwunderung raffte sich Yukon danach allerdings wieder auf, schüttelte sich kurz und trottete langsam in den nahe gelegenen Wald. Nun vergingen viezehn lange Tage der Unsicherheit. Trotz intensicher Bemühungen gelang es uns aber nicht, direkte Beobachtungen durchzuführen. Da Yukon nicht mehr gesichtet werden konnte, diskutierten wir zwangsläufig ein mögliches Szenario nach dem anderen:
Trug Yukon innere Verlezungen davon, oder war er schon (nur etwas Zeitverzögret) gestorben? Konnte er überhaupt einen solchen Unfall überlebt haben? Wenn ja, wie sollte er als Krüppel unter harten Umweltbedingungen zurechtkommen? Wie würden sich die anderen Rudelmitglieder ihm gegenüber verhalten? Würden sie auf Grund emotionaler Bindungen Zusammengehörigkeitsgefühl demonstrieren?
Storm rannte wie ein Irrwisch durch das heimische Revier, erschien uns extrem rastlos und irgendwie auf sich alleine gestellt. Alle anderen Wölfe waren zunächst wie vom Erdboden verschluckt. Dennoch gaben wir die Hoffnung nicht auf, denn alle Wolfsindividuen eines Rudels sind schliesslich im allgemeinen durch sehr komplexe Sozialbindungen eng miteinander vernetzt. Ausserdem war der jetzt vierzehn Monate alte Yukon bereits zum kooperativen Jagdpartner avanciert, auf den das Bowtal-Rudel insbesondere auf Grund seiner ungünstigen Konstellation (Kleingruppe, bestehend aus zwei doch recht betagte Alphatieren + zwei Jährlingen) nicht verzichten konnte. Nachdem wir Storm mehrere Male alleine, später im Gespann mit Nisha auf Nahrungssuche und beim direkten Verfolgen von Beutetieren beobachteten, stand nun der Tag der Erlösung an.
Mitte Juni observierten wir schliesslich alle vier durch ein Sumpfgebiet watende Wölfe in de Nähe eines Kadavers. In der Nacht zuvor gelang ihnen offentsichtlich, einen Rehbock zu erlegen. Yukon humpelte zwar massiv und belastete seinen linken Vorderlauf nur im äusserstdem Notfall, war aber zumindest in der Lage, sich innerhalb des zentralen Territoriums fortzubewegen. In den darauffolgenden Wochen versorgten Storm und Nisha nicht nur Yukon, sondern auch die stehts mit ihm zurückblebende Aster mit Nahrung. Anhand von Wiederholungen im Verhaltensablauf erkannten wir auch die nachfolgenden spezifizierte Systematik:
Storm und Nisha initiierten regemässig diverse Jagdstreifzüge (und legten dabei mitunter bis zu 100km pro Tag zurück) und versorgten die stehts (im zirka 50qkm umfassenden Kernrevier) zurückgebliebenen Wölfe mit diverser Nahrung. Sie sicherten somit das Überleben der gesamten Gruppe. Letztlich versetzte dieser Tunrus Yukon in die Lage, seine Verletzungen auszukurieren und Energie für längere Wanderungen zu tanken. Er humpelte zwar immer noch, belastete jedoch seinen Vorderlauf wieder.
Warum war Aster die ganze Zeit bei Yukon geblieben, obwohl sie Storm nachweislich mindestens seit dem Jahre 1995 das Alphapaar bildeten und somit zwischen beiden ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl bestand? War ihr Mutterinstinkt und somit ihr Verantwortungsgefühl für Yukon stärker? Wusste sie, begründet auf erfahrungen aus der Vergangenheit, dass sie sich auf Storm (mitunter im Jagdgespann mit Nisha) "verlassen" konnte und der erfahrene Alphar&uum;de sowohl ihr als auch Yukons Überleben sichern würde?
Am 14. Juli 2001 beobachteten wir das nun schon zirka zwanzig Kilometer vom eigentlich zentralen Territorium entfernte Rudel bei der gemeinsamen Jagd.
Derzeit bekannte Sozialstruktur des Bowtal-Rudels:
- Alpharüde Storm (8 ? Jahre alt) dominiert (>)
- Bisweilen Jungrüde Yukon (15 Monate alt) und pflegte enge Sozialbindungen zu Alphawölfin Aster (10 ? Jahre alt) und Tochter Nisha (15 Monate alt).
- Alphawölfin Aster pflegt enge Sozialbindungen zu Storm und Yukon. Sie verhält sich gegenüber ihrer Tochter Nisha sehr tolerant.
Beispiel 4
Im November 2000 fanden wir die bis auf 25kg abgemagerte, ehemalige Alphawölfin des Cascade-Rudels nach intensiver Spurensuche schlussendlich tot auf. Betty hatte die in Glanzzeiten bis zu achtzehn Individuen umfassende Gruppe über acht Jahre geführt. In der Vergangenheit beobachteten wir auch den um ein Jahr jüngeren Alpha&ruuml;den Stoney und stellten immer wieder fest, dass er fast nur auf die Aktionen von Alphaweibchen Betty reagierte. Stets überliess er der ranghöchsten Wölfin des Cascade-Rudels sämtliche Entscheidungen. Beide Alphatiere zeigten sehr viel Zuneigung zueinander und demonstrierten somit eine enge Sozialbindung. Stoney verhielt sich im wahrsten Sinn des Wortes wie ein Schatten:
Wenn Betty aufstand, stand auch Stoney auf. Wenn sich Betty hinlegte, legte sich Stoney nieder. Wenn Betty zur Jagd aufbrechen wollte, folgte er ihr auf dem Absatz. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Wolfsrudel im Banff National Park anscheinend meistens dann von Alphaweibchen geführt werden, wenn diese älter sind als die Alpharüden. Dieses vorläufige Fazit basiert immerhin auf der Beobachtung fünf verschiedener Gruppenstrukturen, sollte aber dennoch nicht einer verallgemeinerten Argumentation dienen. Wir stellten nähmlich auch fest, dass ein Rudel nicht permanent von einem bestimmten Wolf geführt wird, sondern die Leitung der Gruppe von unterschiedlichen Motivationsgrundlagen und Erfahrungswerten geprägt ist. Tendenziell scheint de Alpharüde sowohl Gefahren vermeidend tätig zu sein als auch meistens die Jagdinitiative zu ergreifen.
Die Alphawölfin entscheidet, wann sie das gesamte Rudel in Richtung diverser Höhlenkomplexe führt, um diese vor Geburt der Welpen auf Sicherheit zu überprüfen.
In den letzten Jahren observierten wir das Cascade-Rudel besonders intensiv während der Sommermonate, um einen detaillierten Überblick in bezug auf die sozialen Strukturen der Wolfsgruppe zu erhalten. Sowohl Alphawölfin Betty als auch Alpharüde Stoney fielen hierbei durch ihr ruhiges ausgeglichenes und souveränes Verhalten gegenüber den anderen Rudelmitgliedern auf. Betty`s "Charakter" beschrieben wir einerseits als bestimmend, anderseits aber auch als äusserst tolerant. Sie traf letztlich alle wichtigen Entscheidungen. Im Sommer 2000 trennte sich das Rudel. Die mittlerweile zirka zehnjährige Betty und der um die neun Jahre alte Stoney setzten sich von drei weiteren zum Cascade-Rudel zählende Wolfsindividuen ab. Im Herbst beobachteteen wir Betty und Stoney bei der Jagd auf Wapitihirsche. Soziale Kontakte oder gar ein Zusammengehöhrigkeitsgefühl zu den in ein benachbartes Tal abgewanderten dreianderen Wölfen waren zwar nicht nachweisbar, konnten jedoch auch nicht ausgeschlossen werden. Fest stand nur, dass sich Betty und Stoney immer weiter vom ehemaligen Kernrevier entfernten. Im November fanden wir die nur noch aus Haut und Knochen bestehende Betty eher zufällig in unmittelbarer Nähe zu einem toten Hirschbullen. Ob sie sich bei einer Attacke auf den Hirsch lebensberdohliche Verletzungen zuzog oder gar durch ihn getötet wurde, blieb spekulativ. Zumindest ergaben nähere Untersuchungen, dass nicht nur Bettys Immunsystem stark geschwächt war, sondern dass sie offentsichtlich auch mehrere Rippenbrüche davongetragen hatte. Die meisten Rippenbrüche waren allerdings schon wieder verheilt. Wie auch immer, die ehemals souveräne Führerin des Cascade-Rudels war tot. Somit endete eine ganze Dynastie.
Etwa vierzehn Tage später fanden wir den kurz zuvor verstorbenen Stoney. Er lag völlig unverletzt und zusammengerollt in einer Mulde, nur zirka fünfhundert Meter von Bettys Todesort entfernt. Wir verfrachteten Stoney auf einen Geländewagen und verbrachten ihn ins offizielle Labor der National Parkverwaltung.
Da die Untersuchungsergebnisse sogar Fettreserven und somit eine durchaus überlebensfähige Kondition nachwiesen, blieb sein Tod zunächst rätselhaft, zumal die Autopsie keine Verletzungen bestätigen konnte. Woran war dieser kräftige Wolfrüde letztlich gestorben? Nach einem ausführlichen Gespräch mit dem wissenschaftlichen Projektleiter Dr. Paul Parquet erhielten wir eine verblüffend einfache Erklärung: "Broken heart" (Gebrochenes Herz). Der allein zurückgebliebene Stoney wollte schlichtweg nicht mehr weiterleben, nachdem seine soziale Bindungspartnerin, mit der er immerhin nachweislich über acht Jahre eng zusammengelebt und etliche Welpen aufgezogen hatte, verstorben war. Ein Nachweis für das Gefühlsleben unter Wölfen? Müssen wir nun beginnen, in völlig neuen Katergorien zu denken? Können wir hochentwickelte Soziallebewesen überhaupt noch gefühlsmässige Verbundenheit beziehungsweise emotionale Bindung absprechen?
Damals bekannte Sozialstruktur des Cascade-Rudels:
- Alpharüde Stoney (9 ? Jahre alt) dominierte (>).
- Betarüde Blackface (3 Jahre alt) und pflegte sehr enge Sozialbindungen zu Alphawölfin Betty.
- Alphaw&oum;lfin Betty (10 ? Jahre alt) dominierte (>), sowohl ihre Tochter Alpine (3 Jahre alt) als auch die Wölfinne Mrs. Grey (2 Jahre alt) und Redars (2 Jahre alt). Sie pflegte eine enge Sozialbindung zu Alpharüde Stoney.
Betarüde Blackface und die Weibchen Alpine, Mrs. Grey und Redars setzten sich im Spätsommer 2000 von den Alpharüde ab. Ab diesem Zeitpunkt operierten Betty und Stoney bis zu ihrem Tod separat.
Auf Grund der über diesen Bericht dokumentierten Ereignisse steht unsere Meinung nach die Frage zur Disposition, ob man sozial lebenden Tieren weiterhin generell jegliche Gefühle absprechen kann. Wenn auch umstritten, sind einige Biologen durchaus der Ansicht, dass Tiere fühlen können. Sie argumentieren, dass Gefühle bestimmte Verhaltensweisen motivieren können, die für einen Überlebenskampf notwendig sind. Natürlich liegt die Grux darin, dass man weder gefühlsmässige Verbundenheit noch emotionale Bindung nach wissenschaftlichen Regeln eindeutig messen beziehungsweise testen kann. Bei aller Skeptisis muss man sicherlich feststellen, dass tierisches Verhalten ein ässerst komplexes Phänomen darstellt und wir weit davon entfernt sind, alle Feinheiten zu verstehen. Warum stirbt ein offentsichtlich kerngesunder Stoney nur zwei Wochen nach dem Tod seiner sozialen Bindungspartnerin?
Begriffsbestimmungen wie Treue oder Redlichkeit leiten wir aus unserer "Ethik" ab. Wie aber wollen wir ein adaptives Verhalten, das keinem Überlebensvorteil dient, definieren? Wölfe verf¨gen über eine hochkomplexe soziale Intelligenz und können unserer Meinung nach deshalb als "Raubtierautomaten" hingestellt werden. Natürlich unterliegen sie einem Rahmen und auch einem Diktat biologischer Grenzen, müssen sich über eine ausgefeilte Komunikation in die Struktur einer Sozialen Gruppe einfügen. Trozdem wird es hoch interessant sein, über weitere, systematisch durchgeführte Verhaltensbeobachtungen zu dokumentieren, wie exklusive Bindungen zwischen einzelnen Wolfsinividuen entstehen und sich weiterentwickeln. So könnte die Emotionen gefördert und letztlich vielleicht sogar ihr Vorhandensein quantitativ dokumentiert werden. Fakt ist, dass wir Menschen sicherlich von den hochsozialen Wölfen viel lernen können.
Abschliessend sollten wir unser Augenmerk auch auf die "Gefühlswelt" unserer primär über Mimik und Gestik komunizierende Haushunde richten. Auch der an den Sozialpartner Mensch und dessen Lebensbedingungen bestens angepasste "domestizierte Wolf", der Hund, zeigt nicht nur generelle F&aul;higkeiten, sich einerseits an einen Sozialpartner zu binden und andererseits Beute zu verfolgen, sondern offentsichtlich auch die Fähigkeit zu ganz exklusiven Bindungen.
Viele Beispiele zeigen, dass es nicht einfach nur Rangordnungen gibt, sondern auch Sympathien und Antipathien im Rudel und dass Haushunde auf den Tod eines anderen Hundes mitunter extrem reagieren können.
Bei unseren Verhaltensbeobachtungen an gemischten Pensionshunden wird oft deutlich, dass sich bestimmte Individuen selbst nach einem Jahr "wiedererkennen" und dann sehr exklusive Bindungen eingehen. Ob Caniden tatsächlich Gefühle haben, wissen wir Menschen nicht. Vielleicht sollten wir etwas vorsichtiger argumentieren:
Ob Caniden tatsächlich Gefühle haben wissen wir NOCH nicht!
Copyright (Hunderevue Ausgabe 4/2002 und 5/2002)
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